Eine leise Geschichte über Erinnerung, Abschied und das, was weitergegeben wird.
Jeden Mittwoch um vier bestellte Herr Lenz zwei Tassen Darjeeling. Eine mit Milch, eine ohne. Die Kellnerin stellte beide auf den kleinen Tisch am Fenster, und Herr Lenz rückte die Zuckerdose genau in die Mitte.
„Kommt noch jemand?“, hatte sie beim ersten Mal gefragt.
„Nein“, sagte er. „Aber sie war immer pünktlich.“
Von da an fragte niemand mehr.
Im Frühling spiegelten sich Kastanienblätter in der unberührten Tasse. Im Sommer kühlte der Tee neben einem geöffneten Fenster aus. Herr Lenz erzählte leise von Dingen, die nur der leere Stuhl hören konnte: vom tropfenden Wasserhahn, von der Nachbarin im dritten Stock, von einem Lied im Radio.
Eines Mittwochs blieb sein Platz leer.
Die Kellnerin wartete bis Viertel nach vier. Dann stellte sie zwei Tassen ans Fenster, eine mit Milch, eine ohne. Sie wusste selbst nicht, warum.
Kurz vor fünf kam ein Mädchen herein. Vielleicht sechzehn, vielleicht siebzehn. Sie hielt ein altes Foto in der Hand und sah sich unsicher um.
„Entschuldigung“, sagte sie. „Hat mein Großvater hier manchmal Tee getrunken?“
Die Kellnerin deutete auf den Tisch. Das Mädchen setzte sich, nahm die Tasse ohne Milch und lächelte durch ihre Tränen.
„Dann hat er sich das also gemerkt“, sagte sie. „Genau so trinke ich ihn auch.“
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