Eine nächtliche Fahrt über verpasste Abzweigungen – und die Entscheidung, im eigenen Leben anzukommen.
Als Mara in die letzte Straßenbahn stieg, zeigte die Uhr über dem Fahrerstand 00:17. Draußen glänzte die Stadt schwarz vor Regen. Drinnen roch es nach nassen Mänteln und dem metallischen Atem der Heizung.
Sie setzte sich ans Fenster. Drei Stationen, dann wäre sie zu Hause. Gegenüber schlief ein Mann mit einem zusammengefalteten Stadtplan auf den Knien. Ganz hinten saß eine alte Frau, die einen Strauß weißer Blumen hielt.
Die Bahn fuhr an Maras Haltestelle vorbei.
„Entschuldigung“, rief sie nach vorn. Der Fahrer reagierte nicht. Stattdessen bog die Bahn in eine Straße ein, die Mara nicht kannte. Die Häuser wurden schmaler, die Laternen älter. Auf den Schienen lag kein Regen.
Die Anzeige flackerte. Endstation: Früher.
Der schlafende Mann hob den Kopf. „Manchmal“, sagte er, „fährt sie dort entlang, wo man nicht ausgestiegen ist.“
Die Bahn hielt. Hinter der Scheibe sah Mara den kleinen Kiosk ihrer Kindheit. Ihr Vater stand darunter, jung und ohne die Müdigkeit seiner letzten Jahre. In der Hand hielt er zwei Becher Kakao.
Die Türen öffneten sich. Für einen Augenblick konnte Mara den Regen von damals riechen.
Sie blieb sitzen.
„Weiter“, sagte sie leise.
Der Fahrer nickte im Spiegel. Als die Bahn wenige Minuten später an ihrer wirklichen Haltestelle hielt, war Mara allein. Auf dem Sitz gegenüber lag ein gefalteter Stadtplan. Eine Linie war mit roter Tinte eingezeichnet. Sie führte geradeaus nach Hause.

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