Schlagwort: Familie

Geschichten über Familie und Verbundenheit.

  • Zwischen zwei Zuhause

    Inhaltsverzeichnis

    1. Kapitel 1 – Zwei Zuhause
    2. Kapitel 2 – Der Wunsch
    3. Kapitel 3 – Ein schweres Gefühl
    4. Kapitel 4 – Eine Entscheidung
    5. Kapitel 5 – Ein neues Gleichgewicht

    Kapitel 1 – Zwei Zuhause

    Sabrina war fünf Jahre alt und hatte zwei Zuhause. An manchen Tagen lebte sie bei ihrer Mama in einer gemütlichen Wohnung mit einem kleinen Balkon, auf dem viele bunte Blumen standen. An anderen Tagen lebte sie bei ihrem Papa in einem Haus mit einem Garten, in dem ein großer Apfelbaum wuchs.

    Sabrina liebte beide Orte. Sie liebte die ruhigen Abende mit ihrer Mama, wenn sie zusammen Geschichten lasen und sich unter eine weiche Decke kuschelten. Ihre Mama nahm sich viel Zeit für sie und hörte ihr immer zu.

    Doch auch das Leben bei ihrem Papa fühlte sich besonders an. Dort war es lebendig und laut. Sabrina spielte draußen mit den Nachbarskindern, rannte durch den Garten und kletterte manchmal sogar auf den Apfelbaum.

    Bei ihrem Papa hatte sie ihre Freunde. Sie lachten zusammen, stritten sich manchmal und vertrugen sich wieder. Es war ein Ort voller Bewegung, Abenteuer und Freude.

    Trotzdem fühlte sich Sabrinas Herz oft schwer an. Ihr Lebensmittelpunkt lag bei ihrer Mama. Dort begann ihr Alltag. Dort wachte sie morgens auf und dort ging sie abends schlafen.

    Doch ihre Gedanken wanderten oft zu ihrem Papa. Sie dachte an ihre Freunde, an den Garten und an die Schule, die bald beginnen würde. Diese Schule lag in der Nähe ihres Papas.

    Sabrina wusste, dass sie sich eigentlich freuen sollte. Doch stattdessen spürte sie ein Ziehen in ihrem Bauch.

    Denn egal, wo sie war – jemand fehlte immer.


    Kapitel 2 – Der Wunsch

    Eines Abends saß Sabrina auf ihrem Bett und schaute aus dem Fenster. Der Himmel färbte sich dunkelblau, und die ersten Sterne funkelten leise.

    „Mama?“, fragte sie vorsichtig.

    „Ja, mein Schatz?“, antwortete ihre Mama und setzte sich zu ihr.

    Sabrina zog ihre Beine an und schaute nachdenklich auf ihre Hände. „Ich habe einen Wunsch“, sagte sie leise.

    „Dann erzähl mir davon“, sagte ihre Mama ruhig.

    Sabrina atmete tief ein. „Ich wünschte, ich könnte mich teilen.“

    Ihre Mama schaute sie überrascht an, blieb aber ruhig. „Wie meinst du das?“

    Sabrina überlegte kurz. „Dann könnte ein Teil von mir bei dir sein und ein Teil bei Papa. Dann müsste ich niemanden vermissen.“

    Ihre Stimme wurde leiser. „Ich hab euch beide lieb. Aber ich will auch bei Papa sein, weil da meine Freunde sind. Und ich will da zur Schule gehen.“

    Ihre Mama hörte aufmerksam zu. Sie unterbrach sie nicht.

    „Ich will alles gleichzeitig“, sagte Sabrina schließlich und senkte den Blick.

    Eine Träne lief über ihre Wange.


    Kapitel 3 – Ein schweres Gefühl

    Ein paar Tage später war Sabrina bei ihrem Papa. Die Sonne schien, und die Luft war warm. Ihre Freunde warteten bereits vor dem Haus.

    „Sabrina! Komm raus!“, riefen sie.

    Sabrina lief sofort hinaus. Sie spielte den ganzen Nachmittag, lachte laut und vergaß für eine Weile ihre Sorgen.

    Doch als der Abend kam und die Sonne langsam unterging, wurde es stiller.

    Sabrina setzte sich auf die Schaukel im Garten. Sie bewegte sich langsam vor und zurück. Ihr Blick ging in die Ferne.

    Ihr Papa kam zu ihr und setzte sich neben sie. „Du bist heute nachdenklich“, sagte er ruhig.

    Sabrina nickte leicht. „Ich will hier bleiben“, sagte sie leise.

    Ihr Papa sah sie an. „Warum?“

    „Hier ist alles“, sagte Sabrina. „Meine Freunde sind hier. Der Garten ist hier. Und die Schule ist hier.“

    Sie schluckte. „Ich will nicht immer gehen müssen.“

    Ihr Papa blieb ruhig. „Und Mama?“

    Sabrina zögerte. „Ich hab Mama auch lieb“, sagte sie schnell. „Ich will sie nicht traurig machen.“

    Jetzt liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

    „Ich weiß nicht, was richtig ist.“

    Ihr Papa nahm sie in den Arm. „Du musst dich nicht zwischen uns entscheiden“, sagte er sanft. „Wir hören dir zu. Dein Wunsch ist wichtig.“


    Kapitel 4 – Eine Entscheidung

    Am nächsten Tag saßen Sabrina, ihre Mama und ihr Papa gemeinsam am Tisch. Es war ruhig im Raum, aber die Stimmung war warm.

    Sabrina hielt ihre Hände fest ineinander.

    „Du darfst sagen, was du dir wünschst“, sagte ihre Mama.

    Sabrina schaute erst zu ihrer Mama, dann zu ihrem Papa.

    „Ich möchte bei Papa wohnen“, sagte sie vorsichtig.

    Der Raum wurde still.

    „Weil da meine Freunde sind. Und weil ich da in die Schule gehen will“, erklärte sie weiter.

    Dann schaute sie schnell zu ihrer Mama. „Aber ich will dich ganz oft sehen.“

    Ihre Mama lächelte sanft, auch wenn ihre Augen ein wenig glänzten.

    „Das verstehe ich“, sagte sie ruhig.

    Ihr Papa nickte. „Das ist ein ehrlicher Wunsch.“

    Sabrina wartete angespannt. Doch niemand war böse. Niemand war traurig im Sinne von falsch.

    Ihre Eltern schauten sich an.

    „Dann machen wir das so“, sagte ihre Mama schließlich. „Du wohnst bei Papa und gehst dort zur Schule.“

    Sabrina hielt den Atem an.

    „Und du kommst jedes Wochenende zu mir“, fügte sie hinzu. „Und wann immer du möchtest.“

    Sabrina blinzelte. „Wirklich?“

    Beide nickten.


    Kapitel 5 – Ein neues Gleichgewicht

    Ein paar Wochen später stand Sabrina vor ihrer neuen Schule. Sie hielt den Ranzen fest in der Hand.

    Ihre Freunde winkten ihr bereits zu.

    Sabrina lächelte.

    Sie ging durch das Tor und fühlte sich sicher. Alles war vertraut. Alles fühlte sich richtig an.

    Am Nachmittag erzählte sie ihrem Papa begeistert von ihrem ersten Schultag. Sie sprach schnell und lachte viel.

    Am Freitag packte sie ihre Tasche.

    „Fährst du zu Mama?“, fragte ihr Papa.

    Sabrina nickte. „Ich freu mich schon.“

    Am Wochenende kuschelte sie sich bei ihrer Mama auf das Sofa. Sie erzählte ihr alles von der Schule, von ihren Freunden und von neuen Erlebnissen.

    Ihre Mama hörte aufmerksam zu.

    Sabrina merkte, dass sich etwas verändert hatte.

    Sie musste sich nicht mehr zerreißen.

    Sie hatte ihren Platz gefunden.

    Am Abend lag sie im Bett und schaute aus dem Fenster. Die Sterne funkelten ruhig.

    Sabrina lächelte leicht.

    „Ich bin nicht geteilt“, flüsterte sie. „Ich bin genau richtig.“

    Und zum ersten Mal fühlte sich ihr Herz ruhig, stark und vollständig an.